Montag, 25. Juli 2011

Kaninchen.

Den Menschen widerstrebt es normalerweise, sich mit den Verworrenheiten ihres privaten und öffentlichen Lebens abzugeben: sie fühlen sich unsicher und auf gefährlichem Boden. In unserer gegenwärtigen Arbeitsteilung werden diese Probleme dem Philosophen oder Theologen zugewiesen. Oder aber die Menschen trösten sich mit dem Gedanken, daß die Dissonanzen vorübergehen und im Grunde alles stimmt. Das letzte Jahrhundert der europäischen Geschichte hat jedoch schlüssig gezeigt, daß die Menschen, so sicher sie sich auch geben, unfähig sind, ihr Leben gemäß ihren Vorstellungen von Humanität einzurichten. Eine Kluft trennt die Ideen, nach denen sie sich und die Welt beurteilen, von der sozialien Realität, die sie durch ihre Handlungen reproduzieren. Deshalb sind all ihre Vorstellungen und Urteile zweideutig und verfälscht. Gegenwärtig sehen sie sich auf das Unheil zusteuern oder bereits in es verstrickt; sie sind in vielen Ländern dermaßen paralysiert von der herannahenden Barbarei, daß sie nahezu völlig außerstande sind, zu reagieren und sich in Sicherheit zu bringen. Sie sind die Kaninchen vor dem Marder.
(Max Horkheimer) 
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