Montag, 4. Oktober 2010

Beine.

Ja, auch wenn es abgedroschen klingt: vieles lernt man erst lieben, wenn man es hinter sich gelassen hat. Du verlässt einen Ort, ein Haus, ein Leben und ein paar Jahre später holt es dich wieder ein. Ist nunmal so, kann man nichts machen. Und irgendwie bleibt es so doch auch im Gedächtnis. Und das ist es doch, wonach alle händeringend eifern: Erinnerungen. Die Zeit ist viel zu kurzlebig, um auch nur am Rande mitzubekommen, was eigentlich gerade passiert. Doch all das, was wir jetzt vielleicht nicht mitbekommen, oder mitbekommen und dann im Sumpf der Eindrücke wieder vergessen, all das, meine ich, kommt in ein zwei Jahren wieder. Mit doppelter Intensität. Die Gegenwart als Erinnerung wahrnehmen, Zeitverschiebung als Filter.

Man geht durch alte Straßen, entdeckt vermeintlich Neues. Und in einer ruhigen Minute fällt dir wieder ein, hier warst du schonmal, das ist alles nicht neu, im Gegenteil. Die vertrautesten Dinge sind oft die, die verschwunden sind. Und dann einfach wieder auftauchen. Das geht von alleine. Es ist nicht einfach, es ist auch nicht schwer. Es ist einfach da, wie die Augenringe nach einer zu langen Nacht. Du kannst es nicht abschütteln, es klammert sich immer wieder an dich. Tausend Eindrücke, zweitausend Erinnerungen, zehntausend Träume, ein Gedanke. Das war früher schon so, das ist immer noch so.

Vielleicht sollten wir aufhören, uns ständig zu bewegen, ständig was zu tun. Immer weg von hier, da ein Neuanfang, um dann kurz darauf wieder aufzugeben und weiterzuziehen. Dann würde es vielleicht auch nicht so verrückt erscheinen, das Leben im Hier und Jetzt. Aber: was wäre die ganze Sache hier denn ohne Bewegung? Stillstand als Lösung klingt nicht schön. Es ist eine Zwickmühle, ganz gewiss. Und so gehen wir eben weiter, saugen das Drumherum auf, ohne es zu beachten, und lassen es uns in zwei Jahren von Neuem umwerfen. Das ist also das, was man meint, wenn man glaubt, auf eigenen Beinen zu stehen. Schade nur, dass die Beine einen nicht für immer tragen können.
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